Positionsspiele

Im Frühsommer 2015 habe ich diese amerikanische Blaubeere auf der Ausstellung des Berliner Bonsai Clubs im botanischen Garten Berlin gezeigt.

Der Ansatz war die übliche Positionierung von Bonsai und Beisteller auszuloten, eine Verbindung zwischen beiden zu schaffen und mit mehreren Elementen eine Aussage zu transportieren. Trotzdem soll eine Harmony und Einheit erhalten bleiben, insbesondere durch die verbindende Grundplatte, die Höhe der einzelnen Elemente und die Glasuren der Schalen (Thor Holvilla und Marc Berenbrinker).

Modern Living Style II aka „trockenes Brandenburg“

Bei der Besucherwahl erreicht das Arrangement Platz 7.


 

Ohne Spray und Öl

Ja, ich habs getan, einfach so. Es wurde eine Bonsaiaustellung in der Nähe angepriesen und ich war so frei und hab einfach mal ein Baumporträt zu den Veranstaltern geschickt und gefragt, ob ich da mithoppeln darf. Und siehe da, ich durfte. Zum allerersten Mal und ohne irgendwelche Rückfragen und Vorschriften.

Der Aufbau am Tag vor der Eröffnung war schon, äh, interressant. Die Aufbauphase hatte nämlich nichts von der Wettkampfatmosphäre, die ich erwartet hatte, war völlig entspannt. Einen hierhin und Nr. 72 bitte dahin. Die Bäume wurden einfach so hingestellt und fertig. Da hat keiner gemessen und positioniert. Bäume wurden von Dritten geliefert und der Gestalter war selbst weder anwesend, noch hatte er einen Zettel mit klaren Anweisungen hinterlassen, auf welchem Tisch, Unterleger und mit welchem Beisteller er seinen Schatz präsentiert wissen wollte. Da wurde nicht geputzt und gepustet, bis das letzte falsche Körnchen weg war. Da kam kein Glanzspray auf die Blätter und kein Kamelienöl auf die Schalen und Wurzeln. So wie im Garten, so auf der Ausstellung. Erinnerte mich so gar nicht an die Reportagen über Wettkampftage, z.B. bei Bodybuildern, da gabs nämlich Spray und Öl. Und die dortigen Teilnehmer fassten sich noch kurz vor dem Betreten der Arena genüsslich und ausgiebig in den Schritt, damit auch dort alles saß.

War ich hier falsch ? Meinen Substratboden hatte ich mit einem kleinen Pinsel gefegt, aber schon zu Hause. Und das Moos mit einer Planenkonstruktion an sehr sonnigen Tagen vor dem Austrocknen geschützt. Und eine Stellprobe gemacht und mit Fotos dokumentiert. Wollte mich in meiner Unbedarftheit ja nicht bis auf die Knochen blamieren, meine Präsentation war schon schräg genug. Also Tage vorher nur noch mit Regenwasser gegossen, um die letzten Kalkspuren zu beseitigen. Den letzten Draht abgemacht und den Unterleger mit Glasreiniger gewienert. Den Beisteller gekämmt und dem Baum gut zugeredet, damit er die Blüten noch ein paar Tage dranbehält, ihm klassische Musik vorgespielt …

Also einfach das Bestmögliche rausholen. Doch warum machte ich das ? Einfach: es gibt zwei Gründe.

Das Drumherum einer Bonsaiaustellung wird erst richtig interessant, wenn keine Zuschauer, sondern nur Profis anwesend sind. Und davon auch nur wenige. Da latscht kein dicker Wanst vor die Flinte, wenn man mal in Ruhe ein gutes Foto schiessen will. Und die Fleischereifachverkäuferin mit den drei Quengelkindern schreit auch nicht quer durch die Halle. Da quatscht man stattdessen angenehm lässig und informativ direkt mit den Gestaltern der Bäume und kann bei allen Händlern sich schonmal das Wichtigste zurückstellen lassen. Das ist nett.

Aber viel wichtiger: man nimmt dann die ganze Familie und Freunde am nächsten Tag zur Ausstellung mit. Plötzlich sind die nämlich richtig neugierig geworden. Schon Wochen vorher. Man stellt ja aus. Wer vorher innerhalb von 10 Sekunden an allen heimischen Bonsaitischen vorüberschlenderte, die Bonsai geschätzt für 0,2 Sekunden und am besten noch so richtig falsch von ganz nah und direkt von oben wahrnahm und dem dann ein „schön, schön machst du das da“ entfleuchte, der war plötzlich richtig interressiert. Kunstaustellungen kennen ja die Meisten. Da nimmt man sich pro Exponat ein bisschen Zeit, lässt es auf sich wirken, fragt was und lässt sich was erklären. Spricht in gedämpften Ton und bewegt sich angemessen langsam. Man hat ja dafür Eintritt bezahlt. Und man selbst ist in den Augen der Uneingeweihten plötzlich geadelt, ein Künstler. Aha. Sieht mein Baum durch eine Ausstellung jetzt irgendwie anders aus als zu Hause ? Bin ich jetzt irgendwie besser geworden ? Ne, eher nicht. Aber der Rahmen war ein anderer.

Am heimischen Herd zu kochen entlockt eben nur ein „bin satt“. Kocht man genau das Gleiche in einem Kurs bei Ralf Zacherl in einer schicken Loft-Studio-Küche, ist es plötzlich „deliziös“ und „exorbitant“.

Jetzt versteh ich auch, warum die Aussteller nicht bis zur letzten Sekunde an Ihren Bäumen feilen. Brauchen die nicht. Eine Jury gab es ja nicht, die Zuschauer wurden zur Wahl des besten Bonsai aufgerufen und die finden sowieso nur die S-förmigen Baumarkt-Ulmen-Felspflanzungen toll.

Nein, die Teilnehmer machen das wohl nur, um ihren Familien und Freunden zeigen zu können, warum sie soviel Zeit in Bonsai investieren.

P.S.: für die nächste Ausstellung hab ich mich auch schon angemeldet. Diesmal ohne Familie, da gut 200km weit weg. Macht bestimmt noch mehr Eindruck, wenn es dann im Nachbarbundesland stattfindet, sozusagen schon fast im Ausland. Das mildert dann zu Hause für mindestens ein Jahr der Erklärungsdruck.

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