Sind Bonsai Kunst ?

Vorweg, meiner Meinung nach ein klares: Nein.

Kunst ist für mich eine Nonkonformität, ein Spiel mit Objekten, Materialien, eine andere Sichtweise, Darstellung oder Formgebung. Meinetwegen eine Aussage, ein Bezug zur Realität, zum Künstler, zur Zukunft. Eine Veränderung, eine klar wiedererkennbare Handschrift des Künstlers.

Solange ein Bonsai „anerkannten“ Regeln folgt, er vom Gestalter selbst in Grössenklassen eingeteilt wird, das Gehabe des Bonsai festgelegten Formen folgt, sich ausschliesslich an der Natur orientiert oder seine Präsentation in Tradition verankert ist, kann er eben für mich kein Kunstwerk sein. Solange Bonsai nach einem Kriterienkatalog bewertet und für Ausstellungen zugelassen werden, werden Gestalter diesen Regeln folgen. Wer aber diesen Regeln folgt, drückt sich nicht selbst aus, ist nicht kreativ, sondern eben ein Kunsthandwerker. Und schleift nur wieder den millionsten Nussknacker in Form.

Nur die wenigsten Bonsai tragen eine Handschrift des Gestalters. Vielleicht in Details. Manchmal. Qualitativ hochwertige Bäume könnten aber von dutzenden Top-Gestaltern bearbeitet worden sein, persönlicher Ausdruck verschwimmt da völlig. Auf der letzten Noelanders guckte ein Besucher auf das Schild des Ausstellungsbaumes und sagte ganz ernsthaft: „Guck mal, ein Ferrari“. Und seine Begleitung: „Toll, dass der jetzt auch Bäume designed“.

Manche Gestalter haben den ersten Schritt gewagt und eigene, neue Stile kreiert, damit die Handschrift wieder erkennbar wird. Aber seien wir einmal ehrlich. Naturalismus in der Kunst ist seit Jahrzehnten überholt, die letzte Form des Naturalismus war vielleicht noch der Fotorealismus, auch das ist Jahrzehnte her. Die Natur nachzuäffen, mag in grosser Perfektion einmal Kunst gewesen sein. Ist heutzutage aber weder neu noch kreativ sondern nur ein Abgucken und Abformen. Und den Naturalismus dann einfach naturalistische Gestaltung zu nennen, ändert nichts, sondern ist auch nur wieder rückwärts gerichtet, orientiert sich am Gegebenen. Vielleicht Nick Lenz ? Vielleicht. Ansatzweise. Ein gewisses Formenspiel. Ein paar andere Materialien. Gar manchmal unnatürliche Darstellungen. Trotzdem sitzt dort unter jedem Baum die traditionell richtige Schale.

Wo sind den die Gestaltungen, die mit der zum Leben des Bonsai notwendigen Schale und dem Baum selbst spielen ? Wo ist die Formgebung im Baum, die nichts mit der Natur oder bekannten Formen mehr zu tun hat, sondern sich z.B. an Architektur oder aktueller Bildhauerei orientiert ? Wo sind zeitgenössige oder völlig ungewohnte Materialien bei der Schale und wo die Pflanzen abseits der gewohnten Trampelpfade ? Wo ist die Präsentation entgegen der fest zementierten Tischmanieren und wo der Bruch mit der japanischen und chinesischen Tradition ? Wo ist ein Bezug zum persönlichen Hintergrund, zur eigenen Geschichte oder Zukunft ?

Kunst nur als solche zu deklarieren reicht mir nicht. Sonst ist plötzlich jeder Gartengestalter ein Künstler und jeder beschnittene Obstbaum ein Kunstwerk. Es ist nicht schlimm, wenn Bonsai „nur“ ein faszinierendes Handwerk mit absolut bewundernswerten Höchstleistungen mancher Gestalter ist. Oder als Hobby betrieben einfach nur Spass macht und für Erholung sorgt. Aber Kunst ist es bis jetzt noch nicht.

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